Wirklich spannend bei solchen Radreisen finde ich, was in einem Kopf so alles vor sich geht. Von Himmelhochjauchzend über, heute alles ganz fein, bis tief trübe Stimmung ist da mit Sicherheit alles bei und ich möchte in diesem Beitrag mal gemeinsam mit euch in meinen Kopf gehen.
Wohlgemerkt möchte ich dazu sagen, dass diese Reise aus meiner Sicht eher einem Kurzurlaub gleicht. Nicht unbedingt was das Leistungspensum betrifft, viel eher was die äußerlichen Bedingungen angeht. Auch, wenn ich mal 1-2 Stunden keine Menschen gesehen habe, so war ich immer in der Zivilisation. Egal, wo man dabei in Italien ist.
Das mentale Game
Generell kann ich sagen, dass ich mental keine großen Schwierigkeiten hatte, auch wenn es natürlich solche und solche Tage ab. In der Retroperspektive liegt das aus meiner Sicht vor allem daran, dass ich erstens, mega Bock auf das sportliche Projekt hatte und zweitens, es an einen guten, selbstlosen Zweck gekoppelt habe.
Im Endeffekt habe ich also zwei meiner Leidenschaften kombiniert und so eine doppelte intrinsische Motivation geschaffen. Zum einen die Bewegung, die mich bereits mein Leben lang begleitet und die für mich ein wesentlicher Teil meiner Lebensgestaltung darstellt. Die Bewegung, die gleichzeitig auch ein perfektes Instrument für mich ist, um auf ein bestimmtes Thema aufmerksam zu machen.
Zum anderen der gute Zweck und damit der Wille mich für etwas einzusetzen, dass mich selbst ganz tief im Herzen berührt. Sei es aus meinen eigenen Erfahrungen oder auch, weil ich mich sehr gut in andere hineinversetzen kann und damit gewissermaßen auch andere Gefühlszustände nachempfinden kann, wenn natürlich auch nicht in ihrer ganzen Fülle.
Zuletzt profitiere ich natürlich auch selbst davon. Allen voran gewinne ich Erfahrung, überwinde neue Grenzen und lerne die Welt auf eine ganz andere Art und Weise kennen. In einer anderen Geschwindigkeit. In einer anderen Demut. Aus eigener Körperkraft zu Reisen gibt einem ein sehr reales Gefühl von Erfolg, dass kein monetärer Wert dieser Welt leisten kann.
F*, F*, F*
Und dennoch gibt es natürlich Tage und Situationen an denen man sich entweder wie ein kleines Kind bockig und mit verschränkten Armen auf den Boden setzt, oder sich einfach mal die Seele aus dem Leib flucht. Eben das ganz normale aus der Fülle an bestehenden Emotionen menschliche Dasein. Schauen wir also mal in meinen Kopf.
Situation I: Du kommst hier nicht durch
Komoot führt mich den ganzen Tag super durch die Strecke und nach der halben Tagesetappe stehe ich plötzlich vor einer kleinen Mauer. Ich fahr weiter nach rechts, nichts. Ich fahr zurück, ne sicher kein Weg. Ich fahr nach rechts, ne immer noch nichts und wieder zurück. Deutlich weiter links sehe ich eine Brücke und die darüber verlaufende Straße. Hinter der Mauer kommt ein kleiner „Fluss“ mit minimal Wasser. Erstmal also fett F* („So eine scheiße, ey! Was soll denn die Scheiße. Scheiß Komoot.) fluchen, denn ich war mega im Flow.
Ich atme ein paar mal durch. Schon besser. Bock auf zurückfahren habe ich wenig, denn das wäre ein ganzes Stück lang, da die Straße deutlich erhöht ist. Ich hüpf also erst einmal über die Mauer und schaue, ob es nach dem „Fluss“ überhaupt weiter geht, wenn nicht, hat sich das Thema nämlich sowieso erledigt. Tatsächlich gibt’s da nen kleinen Trampelpfad und damit ist die Entscheidung bereits gefallen.
Gepäck erst vom Fahrrad machen? Nö. Wo wäre da denn die Challenge? Also mit Ach und Krach das Dingens irgendwie über die Mauer bekommen und dann durch den „Fluss“ gewatschelt. Nun fühl mich wie ein echter Abenteurer, die Schuhe sind patschnass und ich mit einem fetten Grinsen im Gesicht. Bei nächster Gelegenheit fahre ich allerdings wieder auf die Straße, genug Abenteuer-Vibes für heute. 😀


Situation II: Alter, bist du irre?!
Wer öfter mit dem Fahrrad unterwegs ist, kennt das sicherlich zur Genüge. Du fährst schon maximal am Straßenrand, sodass, wäre da ein Abgrund, du das Gefühl hättest, auf einer Slackline zwischen Tod und Leben zu balancieren. Genau, ich rede von stinknormalen Straßen, die für stinknormale Autos konzipiert wurden. Da es gerade im Süden von Italien weniger richtige Fahrradwege gab, ist man natürlich wie auch vielerorts hier, auf diese Straßen als Fahrradfahrer angewiesen.
Jetzt gibt es neben unachtsamen Autofahrern, die ständig Zeit am Handy nippeln, auch Autofahrer, die erst nach dir in den Sicherheitsabstand von 2 m außerorts wechseln. Man könnte es ja ähnlich wie in einem Abschlusszeugnis zusammenfassen: „Er / Sie war stets bemüht.“ Neben diesen zwei Paradebeispielen gibt es natürlich noch ein ganz anderes Kaliber, den guten alten klassischen LKW-Fahrenden. Jesus, wie oft ist mir kurz mal das Herz in die Hose gerutscht, gefolgt von wilden Flüchen aus meinem sonst so harmonischen Mundwerk.
Ich möchte niemand in eine Box packen, aber der Großteil der LKW-Fahrenden hat da nicht wirklich viel Rücksicht genommen und damit hat es sich wirklich oft wie ein Balanceakt angefühlt. Innerlich habe ich daher immer eine gewisse Anspannung gemerkt und mir ist aufgefallen, dass ich nach langen Straßenabschnitten öfter mal richtig durchatmen musste. So als hätte ich längere Zeit unter Wasser die Luft angehalten.
Zum Glück gibt es keine Beweisaufnahmen, aber ich hab auch öfter Mal Schimpfwörter benutzt, die eigentlich nicht Teil meines Wortschatzes ist. Da hab ich mich dann manchmal im Nachgang auch im Monolog für die Kraftwörter entschuldigt, auch wenn ich die Aktion trotzdem als Scheiße mit gutem Gewissen auf das Konto einbuchen kann.
Situation III: Heute gar kein Bock!
Wenn man die meiste Zeit alleine unterwegs ist, ist es sehr schwierig sich selbst in richtig mieser Laune einzufangen. Sich selbst dabei aufzunehmen, wäre ja auch irgendwo unauthentisch. Daher sind die Bilder und Videos von anstrengenden Reisen oft in ihrer Mehrheit rein positiv und mit Grinsen, Lachfalten und Co. im Gesicht. Man könnte dadurch auf den Gedanken kommen, wow! Alles immer prima, mega!
Doch selbstverständlich hat man Tage mit einem beschissenen Start. Man hat schlecht geschlafen, irgendwie sind zu viele Mücken oder Ameisen ins Zelt gelangt, der Nachbar hat die Musik aufgedreht, es wird Nachts um 1 Uhr plötzlich geböllert, ein Betrunkener schreit die halbe Nacht durch. Eben der ganz normale Wahnsinn. Man steht also auf, bekommt die Augen kaum auf und joa, hat auf 100 km Radfahren richtig Bock, nicht.
Man hat Tage da ist es einfach nur heiß und trocken und man denkt sich, what da fuck? Bin ich eigentlich irre? Warum chill ich mich nicht einfach irgendwo in den Schatten? Hätte ich mal doch nur die Strecke am Meer genommen oder hätte ich mich einfach mal am Schopf gepackt und den Wecker nicht nochmal auf ne Stunde später gestellt.
Man hat Tage da ist man körperlich einfach nicht so auf der Höhe und nach 8 Tagen radeln am Stück, ist das auch nicht unbedingt verwunderlich. Man setzt sich dann mit seinen zwei tonnenschweren Brocken von Beinen auf das Rad und hat das Gefühl, unmöglich das Ziel der heutigen Etappe in irgendeiner Form erreichen zu können.
An solchen Tage konnte es dann schonmal gut sein, dass die ersten 30 km echt ätzend sind. Aber egal wie ätzend ein Tag beginnt oder zwischendurch auch sein mag, genau an diesen Tagen gab es mindestens ein und sei es noch so klitzekleines Erlebnis, das im Kopf den Schalter wieder auf „alles easy peasy“ umgelegt hat. Total spannend.
Meistens waren dafür Menschen verantwortlich. Tolle, freundliche, hilfsbereite wie auch herzliche Menschen. Mal, weil einem eine Flasche Wasser geschenkt, mal weil jemand ein ernstes Interesse an der Reise hat und neugierig nach allen Details fragt. Mal, weil jemand plötzlich klatscht und mal, weil ein anderer Fahrradfahrer dich mit einem freundlichen „buongiorno“ grüßt. Manchmal auch einfach, weil man plötzlich am Gipfel steht, einen tollen Ausblick hat oder ein kleines, verträumtes Café im Nirgendwo findet.
Liebe,
Kevin
Schreibe einen Kommentar