Fast jeden Tag auf dem Fahrrad zu sitzen und dabei durchschnittlich 100 km (schwankend zwischen 70 und 150 km) zurückzulegen erfordert energiesparende Routinen und einen guten Umgang mit der Zeit. Eine gelebte, vielfältige Zeit. Schneller und langsamer und vieles dazwischen.

Routinen klingen erst einmal verdammt langweilig und für mich war das immer eine No-Go-Area. Irgendwie klingt ja allein schon das Wort so monoton in den Ohren. Doch über die Jahre und vor allem auch im Rahmen meiner Therapien, habe ich Routinen und Struktur sehr zu schätzen gelernt.

Im Arbeitsalltag benötigen wir durch regelmäßige Arbeitsabläufe weniger kognitive Energie für wiederkehrende Aufgaben, was die Konzentration und Kreativität für komplexere Aufgaben fördern kann. Routinen können uns eine gewisse Sicherheit geben, den Schlaf verbessern und ein Gefühl von Sinn vermitteln.

Meine Routine auf der Radreise

Im Fall meiner Radreise nach Sizilien hat sich die Routine über die ersten Tage von selbst eingestellt. Es wurde relativ schnell deutlich, wie der Ablauf des Tages ungefähr aussehen musste, damit man eine derartige Leistung möglichst lange aufrechterhalten könnte.

Wenn man bedenkt, dass man täglich zu seinem Grundumsatz (Kalorienverbrauch im Ruhezustand) mindestens 2.000 weitere Kalorien verbrennt, dann spielt in diesen Routinen vor allem auch das Essen eine überaus wichtige Rolle.

So bestand meine tägliche Routine in der Regel aus folgenden Elementen:

Am Morgen: Aufstehen – 0,75l Wasser trinken – Frühstück vorbereiten – Sachen aus dem Zelt räumen – Zelt abbauen – Fahrrad beladen – Frühstücken – Toilette groß (eines der wichtigsten Elemente :D) – Zähne putzen – Wasserflaschen auffüllen – Start

Die goldene Mitte: Hier bestand die Routine hauptsächlich darin, Kilometer wie auch Höhenmeter zurückzulegen und dem Hungergefühl folge zu leisten. Das hieß zum einen je nach Distanz und Höhe mehr oder weniger Snacks (Riegel oder Obst), zum anderen Mittagspausen für ein Panino und Flüssigkeitsreload.

Meistens saß ich zwischen Frühstück und Mittagspause irgendwo in einem Café und bestellte mir ein Cappuccino und ein Cornetto (Croissant). Wahnsinn, wie ich mich darauf immer gefreut hab. Manchmal hatte ich dabei einen fantastischen Blick vom Berg auf wunderschöne Landschaften. Oft habe ich das nämlich auch als eine Art Belohnung nach einem langen Anstieg genutzt.

Der Abend: Nachdem ich dann im Durchschnitt und mit Pausen so um die sieben Stunden unterwegs war kam ich am Campingplatz an. Hier gestaltete sich die Routine wie folgt: Einchecken – Zelt aufbauen – Kleidung aufhängen – In den See oder ins Meer springen – Duschen – Essen vorbereiten (in der Regel Pasta und Nachtisch) – Schlafen (meistens gegen 20 Uhr im Bett)

Panino mit Cornetto und Cappuccino
Aufgebautes Zelt auf dem Campingplatz

Flexibilität innerhalb der Routinen schaffen

Selbstverständlich hat sich die Routine immer wieder leicht verändert oder an die neue Umgebung angepasst. Vor allem den frühen Morgen musste ich je mehr es gegen Süden ging weiter anpassen. Denn je heißer es wurde, desto früher wollte ich morgens los.

Während ich somit am Anfang in der Regel gegen 8 Uhr losgefahren bin, bin ich im Süden von Italien, vor allem in Sizilien, bereits zwischen 6:30 und 7:00 Uhr losgefahren. Auf Sizilien lag die Maximaltemperatur am Mittag nämlich teilweise schon bei 40 Grad.

Auch konnte ich im warmen Süden nicht mehr meine geliebten Overnight-Oats essen, denn ich musste das Essen frisch am Morgen zubereiten. Der Vorteil von Overnight-Oats ist, jedenfalls für mich, dass sie wesentlich besser zu verdauen sind, als Haferflocken die am Morgen kurz vor dem Essen aufgegossen werden (Außerdem: Durch das Einweichen über Nacht wird der Gehalt an Phytinsäure verringert, was eine noch bessere Nährstoffaufnahme möglich macht.).

Grundsätzlich hatte ich auch immer mal wieder Ausreißer aus meiner gewohnten Routine. Mal bin ich dabei viel zu spät ins Bett oder viel zu spät losgefahren. Das waren dann tatsächlich sehr viel anstrengendere Tage, die dann wiederum auch noch den Tag darauf beeinflusst haben.

Der Ruhetag als Non-Plus-Ultra

Zuletzt fehlt noch das wichtigste Thema, der Ruhetag. In Anbetracht meines Tempos, meine durchschnittlichen Kilometer und die vielen Höhenmeter hat der Ruhetag eine außerordentlich wichtige Rolle für mich gespielt. Dieser war nicht nur für meine körperliche Verfassung, sondern auch für mein mentales Wohlbefinden von absoluter Priorität.

Der Ruhetag folgte allerdings keiner konkreten zeitlichen Struktur und hat sich eher nach meinem Gefühl ausgerichtet. Das wiederum war abhängig von der Schwere der Touren. Gerade nach Tagen mit sehr vielen Höhenmetern. Hier habe ich mir meistens nach 4–5 Tagen einen Ruhetag gegönnt.

Hatte ich einen Mix aus leichten und semi-schweren Etappen, sagen wir 200–600 hm täglich, so bin ich bis zu acht Etappen am Stück gefahren, bevor ich einen Ruhetag eingelegt habe. Dieser Mix und die entsprechende Flexibilität haben gut funktioniert.

Schaukeln direkt am Meer
Ruhetag am Strand kurz nach Rom

Routine ohne Routine

Sehr spannend finde ich, dass sich der Alltag allerdings und bis auf wenige Ausnahmen alles andere als wie eine Routine angefühlt hat. Das lag vor allem an der sich ständig verändernden Umgebung, denn absolut kein Tag hat dem anderen geglichen und das, obwohl der Ablauf immer nahezu identisch war.

Es gab eigentlich immer etwas Neues zu sehen, eine neue Begegnung, ein Highlight oder sogar alles in einem Gesamtpaket. Dadurch wurden die Stunden auf dem Fahrrad auch nie langweilig, geschweige denn in irgendeiner Form monoton. Außer vielleicht in Sizilien, wo es landschaftlich nur wenige wesentliche Unterschiede gab. 😀

Am Ende waren es also die Routinen, die mir Unmengen an Energie eingespart haben, sodass ich meine ganze Energie in das Radeln stecken konnte. In den Part, der im Wesentlichen die Reise selbst war und mir am meisten Freude bereitet hat.

Was sind eure heiß geliebten Routinen? Lasst es mich gerne in den Kommentaren wissen.

Liebe und Respekt,
Kevin


Kommentare

2 Antworten zu „Täglich grüßt das Murmeltier“

  1. Danke Kevin für den Einblick in deine Reise 🧳 und auch die beschriebenen Routinen . In manchem sehr ähnlich so wie ich es gemacht habe – allerdings glaube ich , dass ich viel weniger achtsamer war und zum Beispiel Essen alles nur gekauft habe und nie selber gekocht hatte . Hätte da aber auch keine Nerven mehr gehabt, weil ich oft auch gefahren bin, bis ich ausgepowert war. Die Ruhetage nach 5-6 Tage Radfahren habe ich auch immer eingehalten, weil es einfach Sinn macht, den Körper diesen einen Ruhetag zu gönnen und an erlebt er dann auch das Land und Leute viel intensiver. Wünsche dir einen guten Tag und liebe Grüße, Oliver

    1. Lieber Oli, danke für dein Kommentar. Das mit dem selber Kochen ist schon kein geringer Aufwand nach einem anstrengenden Tag auf dem Fahrrad. Mit Fahrgesellschaft war das natürlich deutlich leichter. Dir auch einen wunderbaren Tag und liebe Grüße, Kevin

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